Der Bartgeier

Im folgenden Abschnitt haben wir für Sie interessante Informationen über den Bartgeier zusammengestellt. Illustriert wurden die Texte mit Fotos von fokus-natur.de.

Lateinisch:   Gypaetus barbatus
Englisch:  Lammergeier
Französisch:   Gypaète barbu
Schwedisch:   lammgam
Spanisch:   Quebrantahuesos
Italienisch:   Gipeto
Russisch:   Бородач  

Porträt Bartgeier

Porträt Bartgeier

Mit einer Körpergröße von etwa 110 cm, einer Flügelspanne von fast 3 m und einem Gewicht zwischen 5 und 7 kg sind Bartgeier neben den Mönchsgeiern die größten Greifvögel Europas und die einzigen Vertreter der gleichnamigen Gattung: Gypaetus. Sie wurden ursprünglich  zur Unterfamilie der Altweltgeier (Aegypiinae) gezählte, werden aber heute  aufgrund  neuerer molekulargenetischer Untersuchungen der Unterfamilie Gypaetinae mit 4 in Afrika und Asien vorkommenden Arten zugeordnet.

Aufgrund ihrer Größe und charakteristischen Zeichnung mit dem auffälligen Bartstreifen sind Altvögel, die kaum Geschlechts­dimorphismus aufweisen, unverwechselbar. Nicht ganz so einfach ist das Erkennen junger Bartgeier, aber auch diese einheitlich dunkelbraun gefärbten Tiere sind anhand der beeindruckenden Größe und insbesondere durch den auffallend langen, keilförmigen Schwanz sicher bestimmbar. Etwa ab dem 4. Lebensjahr gleicht sich ihr Äußeres dann allmählich immer mehr dem Erscheinungsbild erwachsener Vögel an.

Rotbaden, bartgeier, bad
Bartgeier nach dem “Rotbaden”

Im Zusammenhang mit der Gefiederfärbung steht bei den Bartgeiern eine weitere Besonderheit – das sogenannte „Rotbaden“. Dabei werden von beiden Geschlechtern gezielt Wasserstellen („Rotbadestellen“) mit eisenoxidhaltigen Ablagerungen aufgesucht und durch intensives Baden (Suhlen) die ansonsten weißen Unterseiten intensiv rostrot eingefärbt.

Die Ursachen für dieses, erst Mitte der 1990er Jahre im Freiland nachgewiesene und wohl angeborene Verhalten sind bis heute nicht völlig geklärt. So wurden z.B. der Schutz vor Parasiten, Regulation der Körpertemperatur, Infektionsschutz des Geleges während der Bebrütung oder  Abnutzungsschutz für das Gefieder als mögliche Ursachen diskutiert. Der heute allgemein als wahrscheinlichst angenommene Grund scheint aber wohl in der Wirkung als visuelles Statussignal im Sozialverhalten der Geier zu liegen.    

Die Gebirgsregionen oberhalb der Baumgrenze Nordwestafrikas, die Pyrenäen, Korsika und Kreta gehören zum Lebensraum der Art, ebenso wie Teile der Türkei, des Kaukasus und Südwest- und Zentralasiens.

Bereits bei Alfred Brehm findet man folgende Angaben zum Lebensraum des „… Bartgeier, Geieradler, Lämmer-, Gemsen-, Gold-, Greif- und Jochgeier, Weißkopf oder Grimmer…Mehr als jedes andere Mitglied seiner Familie darf der Geieradler, wenigstens in der Gegenwart, als ein Bewohner der höchsten Gebirgsgürtel angesehen werden, doch ist diese Angabe nur so zu verstehen, daß er zwar die Höhe liebt, die Tiefe aber durchaus nicht meidet. Sturm und Wetter, Eis und Schnee lassen ihn gleichgültig, aber auch die in tieferen Lagen südlicher Gebirge regelmäßig herrschende Hitze  ficht ihn nicht an, um so weniger, als ihm bei seinem Dahinstürmen selbst die heißen Lüfte Kühlung zufächeln müssen und er imstande ist, jederzeit belästigender Schwüle zu entgehen und seine Brust in den reinen Äther der kalten Höhe zu baden. Da, wo er in der Tiefe, ungefährdet durch den Menschen und mühelos Nahrung findet, siedelt er sich auch in niederen Lagen des Gebirges an, in der Regel verläßt er die höchsten übergletscherten oder schneeumlagerten Berggipfel nicht.“ (7)   

Nach der Ausrottung des Bartgeiers in den Alpen Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier 1986 ein Wiederansiedlungsprogramm mit der Auswilderung  junger Geier aus Gehegezuchten gestartet. 1997 erfolgte im Hoch-Savoyen die erste Freilandbrut und im Jahr 2011 waren im gesamten Alpenraum bereits 23 Brutreviere  mit 14 ausgeflogenen Jungvögeln besetzt (Frankreich 9 Reviere, Italien 8 Reviere, Schweiz 4 Reviere, Österreich 2 Reviere) (1). Der Brutbestand in der gesamten Paläarktis wird derzeit auf etwas mehr als 600 Brutpaare geschätzt (2)

In den Gebirgen Ost- und Südafrikas lebt die Unterart Gypaetus barbatus meridionalis.

Gypaetus barbatus barbatus
Gypaetus barbatus barbatus
Gypaetus barbatus meridionalis
Gypaetus barbatus meridionalis

Die Fortpflanzungsrate der Bartgeier ist äußerst gering. Sie beträgt in Europa in der Regel kaum mehr als 0,5 Junge/Jahr. Altvögel werden erst mit 6 bis 8 Jahren geschlechtsreif und benötigen dann meist noch mehrere Jahre, um erstmals erfolgreich Nachwuchs aufzuziehen. Außerdem entwickelt sich aus den normalerweise 2 Eiern des jährlichen Geleges infolge von Kainismus immer nur ein Jungtier bis zum Flüggewerden – bisher nur ein einziger Nachweis von 2 flüggen Bartgeiern in einem Horst – (2).

Die Paarungs- und Brutzeit der Bartgeier liegt in den Monaten November bis Februar. Die umfangreichen Reisignester (Horste) werden ausschließlich in geschützten Ausbuchtungen steiler unzugänglicher Felswände angelegt.

Bartgeier am Horst
fütternder Bartgeier am Horst
Bartgeier, Jungvogel, Nest
fast flügger Jungvogel im Nest

Nach einer Brutzeit von 52 bis 56 Tagen und einer Nestlingszeit von bis zu 19 Wochen wird der ausgeflogene Jungvogel noch längere Zeit im Revier der Eltern geduldet und in den ersten Wochen auch weiterhin mit Nahrung versorgt.

Die geringe Nachwuchsrate kompensieren Bartgeier zumindest teilweise durch eine recht hohe Lebenserwartung – in Gefangenschaft sind Tiere über 40 Jahre keine Seltenheit und auch in Freiheit ist ein Alter von mehr als 30 Jahren sicher nichts Ungewöhnliches.

Erstaunlich ist beim Bartgeier auch die Art der Nahrung. Als vorrangiger Aasfresser hat er sich fast vollständig auf die Aufnahme von Knochen toter Tiere spezialisiert, was auch in seinem in Spanien üblichen Namen „Quebrantahuesos“ (Knochenbrecher) zum Ausdruck kommt.

Die außergewöhnliche Art und Weise des Nahrungserwerbs beschreibt recht anschaulich die Stiftung Pro Bartgeier der Schweiz auf ihrer ausgesprochen interessanten Internetseite „Die Rückkehr der Bartgeier in die Alpen“

Quellenangaben:
  • Theodor Mebs; Daniel Schmidt: Greifvögel Europas – Biologie – Bestandsverhältnisse – Bestandsgefährdung. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart  2012  (1)

  • Theodor Mebs: Die Greifvögel Europas, Nordafrikas und Vorderasiens – Biologie – Kennzeichen – Bestände. Franckh-Kosmos Verlag,  2. Auflage 2014  (2)

  • Alfred Brehm:  Brehms Tierleben, 3. Band  – Die Vögel ;  Bibliografisches Institut, Leipzig und Wien, 1921 (7)

  • IUCN 2014. IUCN Red List of Threatened Species. Version 2014.2. . Downloaded on 2017 (8)